Pärnu / Estland : ATTILA

Sune Manninen. Der Neue Merker. 10. juuni 2011.

Pärnu, im Winter eine verschlafene Kleinstadt mit gut 43 000 Einwohnern, wird im Sommer zu einem begehrten Seebad, zur ”Sommer-Metropole Estlands”. Dass hier ein nach dem weltberühmten Geiger David Oistrach benanntes Festival veranstaltet wird, war mir bekannt, auch, dass die Järvi-Familie (Vater Neeme, die Söhne Paavo und Kristjan mit Anhang) Meisterklassen nebst Konzerten gibt, nicht jedoch, dass ich mich bei einem Kurzbesuch inmitten weiterer hoch interessanter musikalischer Attraktionen wiederfand, kulminierend in dem PromFest.

Übersetzt aus dem Estnischen bedeutet PromFest Pärnu Internationales Opernmusik-Festival und besteht aus 4 Teilen : dem Klaudia-Taev-Gesangswettbewerb, einer Opernproduktion, Meisterklassen sowie Konzerten. Künstlerischer Direktor dieses Festival ist Erki Pehk, Dirigent an der Estnischen Nationaloper. Die 1906 auf der Insel Saaremaa geborene Klaudia Taev war eine begehrte Gesangpädagogin, zu deren Schülern u.a. das estnische Nationaldenkmal, der Bariton Georg Ots, gehörte. Sie ließ sich 1940 in Pärnu nieder, wo sie 1985 verstarb. Zu ihren Ehren wurde 1996 dieser nach ihr benannte Wettbewerb ins Leben gerufen. Die Liste der bisherigen Jury-Vorsitzenden liest sich wie das Who’s who der Oper : u.a. Irina Arkhipova, der litauische Tenor Virgilius Noreika, Ileana Cotrubas, Barbara Hendricks, Teresa Zylis-Gara, und in diesem Jahr scharten sich respektable Juroren aus aller Welt um die Deutsche Ingrid Kremling. Beachtlich auch die Liste der Wettbewerbssieger, zu denen u.a. Anna Samuil und der koreanische Bariton Ji-Min Park gehören.

Eine Besonderheit dieses Wettbewerbs ist es, dass der Gewinn nicht nur einen Geldpreis beinhaltet (in diesem Jahr 6000 €), sondern auch die Möglichkeit, 2 Jahre später in einer von Sieger gewählten / gewünschten Oper aufzutreten. 2009 wurde der Wettbewerb von dem damals 22jährigen, aus Weiß-Russland stammenden Bassisten Anatoli Siuko gewonnen (2. Preis; der 1. Preis wurde nicht vergeben), und seine Wahl fiel auf Verdis frühes Meisterwerk „Attila“. Somit wurde diese Oper Anfang Juni vier Mal in Pärnu und Tartu aufgeführt; eine weitere Vorstellung folgt im August in Tallinn. Das Opernhaus aus dem litauischen Kaunas stellte Chor und Orchester, und dem Festivalleiter Erki Pehk ist zu bescheinigen, dass er ein zumindest interessantes, um nicht zu sagen sehr gutes Stück-Ensemble verpflichtet hat. Das Endla-Theater, in dem die Pärnu-Aufführungen stattfanden, ist als Schauspielhaus natürlich nur bedingt für Oper geeignet, und so empfand der auf dem Balkon sitzende Zuhörer die musikalische Wiedergabe als insgesamt zu laut. Das Bühnenbild des jungen Madis Nurms passte sich geschickt den Theater-Verhältnissen an und ließ schnellen Szenenwechsel zu; die futuristischen Kostüme (Odabella als eine Art Barbarella) stammt auch von Nurms und waren (um es vorsichtig auszudrücken) zwar fantasiebegabt, doch recht gewöhnungsbedürftig. Üllar Saaremäe führte eine Regie, die sich nicht zwischen Werk und Zuschauer stellte.

Die von mir besuchte letzte Vorstellung in Pärnu wurde nicht von Erki Pehk geleitet, der die ersten drei übernommen hatte, sondern von dem Litauer Virgilijus Visockis, dem eine temperamentvolle Wiedergabe gelang. Dass sie zu laut war, lag wohl eher an der akustischen Gegebenheiten. Odabella, in ihrer Mischung aus Agilität und dramatischer Attacke, gehört zu den anspruchsvollsten Sopranpartien Verdis. Sandra Janušaité, bisher u.a. in Zürich (Rachel in „La Juive“) und Ravenna (Sieglinde) zu hören, warf sich mit Verve in ihre Partie und wurde allen Ansprüchen dieser Rolle vollkommen gerecht, eine große, metallisch timbrierte Stimme, ohne Registerbrüche. Ihr Tenorpartner Erik Fenton, der bisher an kleineren und mittelgroßen Theatern in Deutschland auftrat und den ich in Helsinki als „Rusalka“-Prinzen hörte, erarbeitet sich langsam das Spinto-Tenorfach.

Leider blieben bei seinem Foresto manche dynamischen Nuancierungen auf der Strecke, und es wäre seinem Erfolg förderlicher gewesen, wenn er sich auch einmal unterhalb des Mezzoforte gewagt hätte. Vladislav Sulimsky (Ezio), Ensemble-Mitglied des Mariinsky-Theaters, besitzt einen genuinen Verdi-Bariton, prädestiniert auch für die dramatischen Partien des großen Italieners : dunkel timbriert, von enormer Strahlkraft in der Höhe, aber auch zu vielfältigen Differenzierungen fähig. Sollte er den Schritt an Bühnen im Westen wagen, würde ich ihm eine große Karriere prophezeien. Verdi-Baritone dieses Kalibers gibt es nicht viele! Es war berührend, in der kleinen Rolle des Papstes Leo I noch einmal den estnischen Bass-Veteranen Mati Palm zu hören, der 1975 der erste Attila-Interpret in der damaligen Sowjet-Union war. In Pärnu wurde diese Rolle von dem erst 24jährigen Anatoli Siuko gesungen, und es wäre verfehlt, von ihm eine Leistung zu verlangen, die sich z.B. mit der eines Nicolai Ghiaurov oder eines Boris Christoff vergleichen ließe. Aber dieser junge Mann sang mit einer Stimme und in einer Manier, die aufhorchen und in mir den Wunsch aufkommen ließ, mir diesen Namen zu merken und die weitere Karriere mit Interesse zu verfolgen. Siuko besitzt ein außerordentlich homogen geführtes Material, das sofort im Ohr haften blieb und dass ich mit basso cantante umschreiben würde. Erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit er sich innerhalb der Grenzen seines Organs bewegte, ohne diese zu überschreiten und ihm künstlich mehr Volumen zu verleihen. Dem jungen Mann wäre zu wünschen, er möge die Geduld besitzen, sein überdurchschnittliches Material in Ruhe reifen zu lassen. Dann könnte er zu den Großen seines Stimmfaches gehören.

Es wird interessant sein, welche Oper 2013 aufgeführt wird, denn der Klaudia-Taev-Wettbewerb wurde von dem 26jährigen weißrussischen Bariton Andrei Sauchanka gewonnen (2. Preis, der 1. Preis wurde nicht vergeben); den 3. Preis erhielt die lettische Sopranistin Elina Volkmane.